Im Kern unserer IdentitÀt liegt Gleichberechtigung

Statement von TĂŒrkis Rosa Lila Tipp – 05.12.2023

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Seit dem 7. Oktober ist die Welt Zeuge des entsetzlichen Leidens und der Eskalation von
Gewalt in PalÀstina und Israel.


Am 21. Oktober, als fĂŒnf Organisationen der Vereinten Nationen in einem gemeinsamen
Statement die Welt dazu aufforderten, fĂŒr Gaza „mehr zu tun“
, hing ein*e Bewohner*n der Villa
eine palÀstinensische Flagge aus deren privaten Fenster an der Seitenfassade, um SolidaritÀt mit
den PalĂ€stinenser*innen zu zeigen. Seitdem wird die Villa ununterbrochen mit Hassmails bombardiert. Die Verunglimpfungen reichen von negative Stereotypisierungen bis hin zu offenen Beschimpfungen und Unterstellungen, die Villa sei antisemitisch, antijĂŒdisch, antiisraelisch und pro-Hamas. Ein viraler Kommentar eines Journalisten verbreitete die Falschinformation, die Flagge sei just am Datum des Novemberpogroms erneut angebracht worden, obwohl sie tatsĂ€chlich nie abgehĂ€ngt wurde. Damit implizierte er, die Villa hĂ€tte darauf abgezielt, expressiv ein Zeichen der Missachtung der jĂŒdischen Gemeinschaft Wiens zu setzen. Wir weisen all diese VorwĂŒrfe vehement zurĂŒck und betonen unsere Position: Wir verurteilen jegliche Gewalt und Extremismus und systematische Verletzungen von Menschenrechten und MenschenwĂŒrde.

DarĂŒber hinaus wurde bis zum 29. November in die Villa eingebrochen, einige GegenstĂ€nde aus den VerwaltungsbĂŒros gestohlen und eine israelische Flagge an der Fassade der Villa angebracht. Eine öffentliche Drohung auf Instagram folgte, in der Fotos der Villa inklusive der Flagge gepostet wurde mit dem Zusatz: „wir sind direkt um die Ecke“.

Die FPÖ nutzt diese Anschuldigungen aktuell, um ihren antiarabischen Rassismus und ihre Queerfeindlichkeit zu pushen und ihre Kampagne gegen die Villa fortzusetzen, indem politische Narrative verwendet werden, die unsere Arbeit zum Schweigen bringen sollen.

Die Villa war immer schon und wird auch weiterhin ein Symbol und eine KĂ€mpferin fĂŒr Gleichberechtigung sein. Genau aus diesem Existenzgrund der Villa sind wir mit stĂ€ndigen Angriffen extremistischer Gruppen und ihren lautstarken antisemitischen Symboliken und EinschĂŒchterungen konfrontiert.

Die Gemeinschaft der Villa beugt sich nicht dem sozialen Druck, eine normative Position einzunehmen.

Nichts kann das schreckliche Massaker und die Geiselnahme von Zivilistinnen durch die Hamas rechtfertigen. Jeglicher terroristische Akt ĂŒberall in der Welt muss stĂ€rkstens verurteilt werden. Die darauffolgende unterschiedslose Bombardierung und Vertreibung von hunderttausenden von Zivilist*innen in Gaza kann nicht relativiert werden und muss ebenfalls stĂ€rkstens verurteilt werden.

Wir leisten Widerstand gegen jegliche Form menschlichen Leidens. WĂ€hrend wir dazu aufrufen, die Wurzeln der Gewalt zu heilen, drĂŒcken wir gleichzeitig unsere Empathie sowohl fĂŒr PalĂ€stinenserinnen als auch Israelis aus, die direkt oder indirekt von den Geschehnissen betroffen sind. Wir sind zutiefst davon ĂŒberzeugt, dass die Sorge um menschliches Leben nur in Gaza oder nur in Israel ĂŒberhaupt keine Sorge um menschliches Leben an sich ist, da dies eine
einseitige Haltung von Menschlichkeit darstellt.

Wir glauben daran, dass PalÀstinenser*innen und Israelis gleiche Rechte auf Leben, Freiheit und Sicherheit haben. Dies sind Grundrechte aller Menschen.

Wir dĂŒrfen uns nie daran gewöhnen, dass die Menschenrechte einer Gruppe wegen bestimmter intersektionaler Merkmale ihrer IdentitĂ€t verletzt werden. Und wir mĂŒssen auf der Seite von jenen stehen, deren Menschenrechte verletzt werden.

Wir werden die Verantwortung Österreichs und von Österreicher*innen an der Shoah niemals vergessen. Wir werden uns nicht dafĂŒr entschuldigen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza zu verurteilen. Als Queers kennen wir das GefĂŒhl, gesagt zu bekommen, unsere Existenz sei falsch, unsere Leben wertlos, und unser Verschwinden erwĂŒnscht. Wir setzen uns gegen UnterdrĂŒckung und VedrĂ€ngung ein. Wir glauben fest an Gleichberechtigung ĂŒber antisemitische, koloniale, patriarchale und heterosexistische Normen hinaus. Die Villa weigert sich, normative Schubladen zu bedienen, deren Inhalt weitreichend zirkuliert wird in Diskussionen ĂŒber den Israelischen/PalĂ€stinensischen Konflikt. Wir weigern uns, uns diesem sozialen Druck und einer binĂ€ren politischen Gruppierung zu unterwerfen.

Sowohl die Mehrheit der Medien als auch extrem rechte politische Parteien wenden binÀres Denken auf den palÀstinensischen-israelischen Konflikt an.

Eine PalĂ€stinensische Flagge reprĂ€sentiert keine UnterstĂŒtzung fĂŒr die Hamas. Die PalĂ€stinensische Flagge ist ein global und von der Vereinten Nationen (UN) anerkanntes Symbol der PalĂ€stinenser*innen (seit dem 2. Juni 2023 haben 139 von 193 Mitgliedsstaaten der UN den PalĂ€stinensischen Staat anerkannt). Das binĂ€re Denken heutzutage setzt die PalĂ€stinensische Flagge mit der Hamas gleich und stellt sie als Symbol der Gewalt dar anstatt als Symbol unterdrĂŒckter Menschen dar. Analog dazu wird jede Person, die SolidaritĂ€t mit den PalĂ€stinenser*innen zeigt, dĂ€monisiert und der UnterstĂŒtzung von Terrorismus beschuldigt.

Die Menschenrechte der PalĂ€stinenser*innen zu unterstĂŒtzen, bedeutet nicht, pro-Hamas zu sein. Kritisch gegenĂŒber der Netanyahu-Regierung zu sein, bedeutet nicht, antisemitisch zu sein. Am 10. November sagte der österreichische UN-Hochkommissar fĂŒr Menschenrechte Volker TĂŒrk: „Die Lösung fĂŒr diese Situation ist das Ende der Besatzung und die volle Achtung des Selbstbestimmungsrechts der PalĂ€stinenser“. Bedeutet das etwa, Volker TĂŒrk sei antisemitisch?

Pinkwashing wird benutzt, um die öffentliche Wahrnehmung des Konflikts zu manipulieren und eine Gesellschaft, eine Menschengruppe, eine Minderheit zu entmenschlichen.

Pinkwashing missbraucht die hart erkĂ€mpften Errungenschaften queerer Aktivist*innen. Es wird benutzt, um Gewalt leichter akzeptabel zu machen und den TĂ€ter nicht als solchen zu sehen. Durch die Betonung von LGBTIQ+-freundlicher Gesetzgebung und breiter Akzeptanz in Israel auf der einen Seite und gewaltsamer UnterdrĂŒckung von Queerness durch die Hamas in Gaza auf der anderen Seite, pinkwĂ€scht das binĂ€re System die Verbrechen ultrakonservativer Gruppen in Israel und macht es offenbar leichter, jede noch so tödliche militĂ€rische Aktion in Gaza zu tolerieren.

Queerness lebt ĂŒberall, auch in UnterdrĂŒckung (die im Übrigen eine direkte Erbschaft des Kolonialismus ist). Nur weil unsere queeren Geschwister in Gaza sich nicht so frei Ă€ußern können wie unsere queeren Geschwister in Israel, heißt das nicht, dass sie nicht existieren. Es gibt palĂ€stinensische queere Aktivist*innen, die durch die pinkgewaschene UnterdrĂŒckung zum Schweigen gebracht wurden. Wie viele von ihnen sind inzwischen durch den Krieg gestorben? Freiheit und Gleichberechtigung stehen im Zentrum unserer Arbeit. Nicht-binĂ€res Denken findet Anwendung in all unserer Arbeit. BinĂ€res Gedankengut fĂŒhrt zu ‚selektivem‘ Verstehen und ist inakzeptabel fĂŒr queere SolidaritĂ€t.

Die Villa strebt danach, eine schĂŒtzende Community zu bilden. Der Kreislauf aus antisemitischer und antiarabischer Gewalt in Wien muss durchbrochen werden durch aktiveres Zuhören, pro-aktiver FĂŒrsorge und das GefĂŒhl von Gerechtigkeit, anstatt durch Entmenschlichung und Rufe nach staatlicher Gewalt und Zensur.

Die Villa verpflichtet sich dazu, einen sicheren Ort der Sorge fĂŒreinander zu schaffen. Die Villa wird daher eine Reihe fĂŒrsorge-orientierter Veranstaltungen organisieren, die sich an Menschen richten, die sich als queer und jĂŒdisch/israelisch identifizieren, sowie an Menschen, die sich als queer und arabisch/muslimisch identifizieren. Die Villa wird auch Workshops organisieren, in denen Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Araber*innenfeindlichkeit, und jegliche Form des Rassismus im Rahmen der humanitĂ€ren Krise diskutiert wird. Informationen zu diesen Gruppen werden rechtzeitig veröffentlicht.


Unsere Haltung
§ Wir verurteilen Antisemitismus und Kriegsverbrechen. Wir unterstĂŒtzen nachdrĂŒcklich Einigkeit gegen jegliche Form der Entmenschlichung.

§ Wir schließen uns der internationalen humanitĂ€ren und politischen Gemeinschaft zum Schutz aller Zivilist*innen an.

§ Wir rufen zur Umsetzung notwendiger Maßnahmen auf, um sicherzustellen, dass die Menschenrechte aller PalĂ€stinenser*innen und Israelis vollkommen geschĂŒtzt werden.

§ Wir leisten Widerstand gegen Pinkwashing und binÀres Denken.


Über die TĂŒrkis Rosa Lila Villa:
Die TĂŒrkis Rosa Lila Villa ist ein Projekt fĂŒr Empowerment von und fĂŒr lesben, schwule, bisexuelle, inter* und trans* Personen, das in ihrer Art einmalig ist. Als es 1982 als Hausprojekt startete, war den damaligen Bewohner*innen klar, dass es nicht nur um Wohnraum, sondern auch um emanzipatorische Politik ging.

Unsere RĂ€umlichkeiten umfassen WohnrĂ€ume, BĂŒros fĂŒr Vereine und eine öffentliche Bar/Restaurant fĂŒr die Community.

Die Villa wird vom Verein TĂŒrkis Rosa Lila Tipp verwaltet.

Mehr Literatur:

Bitte beachten Sie auch die Links direkt im Text.

https://www.un.org/en/situation-in-occupied-palestine-and-israel

https://news.un.org/en/story/2023/10/1142652

https://www.un.org/en/situation-in-occupied-palestine-and-israel

https://sabanurcheema.com/wp-content/uploads/2023/10/Cheema_-Nicht-jeder-der-die-Palaesti
na-Flagge-haelt-hasst-Israel-DER-SPIEGEL.pdf

https://www.ohchr.org/en/press-releases/2023/12/comment-un-high-commissioner-human-rights
-volker-turk-resumption-hostilities

https://www.ohchr.org/en/statements-and-speeches/2023/11/opening-remarks-un-high-commissi
oner-human-rights-volker-turk

https://www.ohchr.org/en/press-releases/2023/11/un-experts-call-full-and-independent-investigat
ions-all-crimes-committed

https://www.un.org/sg/en/content/sg/speeches/2023-11-06/secretary-generals-press-conference
-the-middle-east